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Die Frustration naiver, nicht-sexistischer Eltern ist zu einer gern vorgebrachten Lachnummer geworden. Zum Genre der aktuellen Bücher und Artikel über angeblich auf Veranlagung beruhende Genderunterschiede gehört der Abschnitt, in dem mit unverhohlener Schadenfreude die erheiternden Bemühungen von Eltern beschrieben werden, die es tapfer, doch immer vollkommen ohne Aussicht auf Erfolg mit genderneutraler Erziehung versuchen:
Eine meiner [Louann Brizendines] Patientinnen gab ihrer dreieinhalbjährigen Tochter viele nicht mädchentypische Spielsachen, unter anderem ein rotes Feuerwehrauto anstelle einer Puppe. Als sie eines Nachmittags in das Zimmer der Kleinen kam, hatte diese das Auto in eine Decke gewickelt, wiegte es in den Armen und sagte: »Keine Sorge, kleines Auto, alles wird gut.« 586
Zufällig kann ich eine Gegenanekdote zum Besten geben. Meine beiden Söhne verhielten sich, als sie klein waren, genau wie die Töchter von Lawrence Summers und von BrizendinesPatientin. Auch sie legten Autos in Puppenbettchen schlafen und nannten sie Papa, Mama und Baby.
Und trotzdem haben Eltern recht, wenn sie sagen, dass kleine Mädchen und kleine Jungen anders spielen, auch wenn der Kontrast nicht annähernd so krass ist, wie er oft dargestellt wird. Die Zitate vom Beginn dieses Kapitels scheinen nahezulegen, dass wir heute normalerweise davon ausgehen, dies geschehe
trotz
des nichtsexistischen, genderneutralen Umfelds, in dem die Kinder heute aufwachsen: »Wir wissen heute um die Tatsache, … dass Eltern mit Mädchen und Jungen unterschiedlich umgehen, weil Mädchen und Jungen von Geburt an so unterschiedlich sind. Mädchen und Jungen verhalten sich unterschiedlich, weil ihre Gehirne unterschiedlich verdrahtet sind«, so Leonard Sax. 587
Aber mittlerweile haben wir ja gesehen, wie lückenhaft und lose diese Verdrahtung ist. Und es gibt, wie wir in diesem Teil des Buches sehen werden, viele teils subtile, teils eklatante Gründe dafür, dass eine genderneutrale Umgebung nicht etwas ist, das von Eltern, und seien sie noch so guten Willens, hergestellt würde bzw. überhaupt hergestellt werden könnte.
Schon vor der Geburt sind die Weichen dafür gestellt, dass es nicht zu einer genderneutralen Umgebung kommen kann. Als Emily Kane in der Gruppe der von ihr interviewten Eltern die Frage stellte, ob sie lieber einen Sohn oder eine Tochter wollten, wurde an den Antworten deutlich, wie schon die »Erwartungen genderspezifisch eingefärbt waren«, sogar wenn es um lediglich hypothetische Kinder ging. Die Männer wollten eher einen Sohn, und ein häufig genannter Grund für diesen Wunsch war die Vorstellung, dass sie mit ihm zusammen Sport treiben konnten. »Ich wollte immer einen Sohn … Wahrscheinlich ist es ja normal, dass Männer sich einen Sohn wünschen. Ich wollte meinem Sohn Basketball beibringen,Baseball, und so weiter. Allein schon der Gedanke, was man alles mit seinem Sohn unternehmen kann …«, so formulierte es ein Vater. (Man könnte es einem Besucher von einem anderen Stern, der unsere Zivilisation untersuchen will und Kanes Protokolle zu lesen bekäme, nicht verdenken, wenn er daraus schließen würde, dass Menschenfrauen ohne Arme und Beine auf die Welt kommen.) Auch die in der Studie befragten Mütter waren offensichtlich der Auffassung, dass Jungen und Mädchen für unterschiedliche Dinge gut sind. Kane stellte fest, dass Mütter, die sich einen Sohn wünschen, ihrem Ehemann einen Gefährten geben wollen, mit dem er viele Dinge unternehmen kann (zum Beispiel Sport treiben), die offenbar mit Mädchen nicht möglich sind. Töchter hingegen sollten ganz andere elterliche Erwartungen erfüllen: »Ich wollte lieber ein Mädchen, … um sie hübsch anzuziehen und ihr Puppen zu kaufen und na ja, Sie wissen schon, Ballettschule und so … Es gibt viele Dinge, die Sie mit einem Mädchen viel besser machen können als mit einem Jungen.« Noch häufiger wurde der Wunsch nach einem Mädchen allerdings mit
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